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Wie kann ich aus der passiven Haltung heraustreten?

Jede*r Betroffene reagiert anders auf Hass im Internet. Je nach Typ oder Schwere der Attacke kann bei Ihnen das Bedürfnis entstanden sein, dass Sie wieder aktiv über sich entscheiden wollen. Sie wollen aus der Passivität heraustreten und wieder selbst präsent sein und kommunizieren. Das kann schon nach einigen Stunden oder nach Wochen geschehen. Die Dauer der Verarbeitung ist individuell unterschiedlich.

Andere brauchen länger, um einen Angriff zu ertragen. Was die Täter*innen oft erreichen, ist, dass es für die Betroffenen eine Weile schwer sein kann, sich wieder als Subjekt wahrzunehmen. Denn wenn lange genug über jemanden gesprochen wird, neigt die Person dazu, das zu glauben, was über sie gesagt wird – teilweise handelt sie sogar nachträglich so, wie ihr vorgeworfen wurde. Der sogenannte „Andorra-Effekt“ besagt, dass Personen sich Urteilen und Einschätzungen einer Gruppe anpassen, unabhängig ob sie ursprünglich korrekt gewesen sind oder nicht. Der Name des Effekts geht auf das Theaterstück Andorra von Max Frisch zurück. In diesem verändert sich die Persönlichkeit der Hauptfigur (die vom Vater als jüdisches Pflegekind ausgegeben wird und selbst daran glaubt, jüdischer Abstammung zu sein) durch die ständige Konfrontation mit negativen Vorurteilen seiner Mitmenschen.

Jeder Fall bleibt letztendlich ein Einzelfall. Wichtig ist, davon auszugehen, dass es möglich ist, in diesem Prozess der Verarbeitung eigene Entscheidungen zu treffen, die beinhalten, aus der passiven Rolle herauszutreten.

Dabei sind viele Möglichkeiten denkbar. Ein Schritt kann darin bestehen, einfach die eigene Kommunikation in sozialen Medien fortzusetzen, um damit zu signalisieren, dass der Angriff Sie nicht davon abbringt, Ihr Leben in all seinen Facetten fortzusetzen und zu genießen.

Sie können einen Blogbeitrag, einen Erfahrungsbericht oder einen Artikel schreiben, sich fortan politisch engagieren. Manche Personen reagieren anders und finden „ein heilendes Hobby“ oder verwenden ihre Aufmerksamkeit jetzt auf andere Bereiche in ihrem Leben. Lesen Sie dazu unsere Erfahrungsberichte.

Es gibt auch Fälle, die ganz offensiv mit der Erfahrung der Diffamierung umgehen, wie etwa Emma Holten. 2014 veröffentlichte ein Hacker intime Fotos von ihr im Internet. Drei Jahre lang litt sie unter der systematischen Erniedrigung im Netz, die auf die Veröffentlichung folgte. Dann reagierte die dänische Journalistin und stellte selbst Aktbilder von sich ins Netz. Ein extremer Schritt. Mit einer klaren Botschaft: Ich bin kein Opfer! Sie löste sich damit eigenständig vom Objektstatus, in den sie mit Gewalt gebracht wurde und erhob sich eigenmächtig in die Lage eines fühlenden Menschen. „Jetzt ist es wieder meine Geschichte und nicht mehr die eines Idioten, der meine E-Mails gehackt hat“, erklärte sie zu dem Vorfall.

Zu welchen Schritten Sie sich entscheiden, bleibt Ihnen individuell überlassen.

Es gibt immer eine Möglichkeit, sich zu entscheiden. Auch nichts zu tun, ist eine Entscheidung.

Mit dem Wissen um diese Möglichkeit einer Entscheidung integrieren Sie allmählich den Angriff in Ihr Leben. Er wird ein Teil von Ihnen – und macht Ihre Geschichte aus, die Sie auf gewisse Weise einzigartig gemacht hat.

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