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Wie kann ich aus der passiven Haltung heraustreten?

Jeder Betroffene reagiert anders auf digitalen Massenhass. Je nach Typ oder Schwere der Attacke kann bei dir das Gefühl entstanden sein, dass du wieder aktiv über dich entscheiden willst. Du willst aus der Passivität heraustreten und wieder selbst präsent sein und kommunizieren. Das kann schon nach einigen Stunden oder nach Wochen geschehen. Die Dauer der Verarbeitung ist individuell unterschiedlich.

Andere brauchen länger, um das Phänomen Massenhass zu ertragen. Was die Täter oft erreichen, ist, dass es für die Betroffenen eine Weile schwer sein kann, sich wieder als Subjekt wahrzunehmen. Denn wenn lange genug über jemanden gesprochen wird, neigt die Person dazu, das zu glauben, was über sie gesagt wird – teilweise handelt sie sogar nachträglich so, wie ihr vorgeworfen wurde. Der sogenannte „Andorra-Effekt“ besagt, dass Personen sich Urteilen und Einschätzungen einer Gruppe anpassen, unabhängig ob sie ursprünglich korrekt gewesen sind oder nicht. Der Name des Effekts geht auf das Theaterstück Andorra von Max Frisch zurück. In diesem verändert sich die Persönlichkeit der Hauptfigur (der von seinem Vater als jüdisches Pflegekind ausgegeben wird und selbst daran glaubt, jüdischer Abstammung zu sein) durch die ständige Konfrontation mit negativen Vorurteilen seiner Mitmenschen.

Jeder Fall bleibt letztendlich ein Einzelfall. Wichtig ist davon auszugehen, dass es möglich ist, in diesem Prozess der Verarbeitung eigene Entscheidungen zu treffen, die beinhalten, aus der passiven Rolle herauszutreten.

Dabei sind viele Möglichkeiten denkbar. Ein Schritt kann darin bestehen, einfach seine Kommunikation in sozialen Medien fortzusetzen, um damit zu signalisieren, dass der Angriff dich nicht davon abbringt, dein Leben in all seinen Facetten fortzusetzen und zu genießen.

Du kannst einen Blogbeitrag, einen Erfahrungsbericht oder einen Artikel schreiben, dich fortan politisch engagieren. Manche Personen reagieren achtsamer mit ihrer Kommunikation, finden „ein heilendes Hobby“ oder verwenden ihre Aufmerksamkeit jetzt auf andere Bereiche in ihrem Leben. Lese dazu unsere Erfahrungsberichte.

Es gibt auch Fälle, die ganz offensiv mit der Erfahrung der Diffamierung umgehen, wie etwa Emma Holten. Vor vier Jahren veröffentlichte ein Hacker intime Fotos von ihr im Internet. Drei Jahre lang litt sie unter der systematischen Erniedrigung im Netz, die auf die Veröffentlichung folgte.

Dann reagierte die dänische Journalistin und stellte selbst Aktbilder von sich ins Netz. Ein extremer Schritt. Mit einer klaren Botschaft: Ich bin kein Opfer! Sie löste sich damit eigenständig vom Objektstatus, in den sie mit Gewalt gebracht wurde und erhob sich eigenmächtig in die Lage eines fühlenden Menschen. „Jetzt ist es wieder meine Geschichte und nicht mehr die eines Idioten, der meine E-Mails gehackt hat“, erklärte sie zu dem Vorfall.

Zu welchen Schritten, du dich entscheidest, bleibt dir individuell überlassen.

Es gibt immer eine Möglichkeit, sich zu entscheiden. Auch nichts zu tun, ist eine Entscheidung.

Mit dem Wissen, um diese Möglichkeit einer Entscheidung integrierst du allmählich den Angriff in dein Leben. Er wird ein Teil von dir – und macht deine Geschichte aus, die dich auf gewisse Weise einzigartig gemacht hat.

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