Nach CSD: Anschlag wird für Hass instrumentalisiert
Auf den Anschlag auf den CSD in Berlin folgt jetzt eine Anhäufung der Gewalt in sozialen Medien. Besonders betroffen sind queere Menschen, muslimische Menschen und andere marginalisierte Gruppen. Sie werden beleidigt, bedroht und verleumdet. Schon jetzt ist absehbar: Die Tat wird politisch instrumentalisiert, um Hass gegen marginalisierte Gruppen zu schüren.
Die Betroffenenberatung bei HateAid verzeichnet seit dem Anschlag ein Aufkommen von Beratungsanfragen von Personen, die in diesem Zusammenhang im Internet digitale Gewalt erfahren. Viele der Fälle sind dringlich. Es handelt sich vor allem um Beleidigungen und zum Teil um Morddrohungen oder Doxxing (Adressen oder Telefonnummern werden veröffentlicht). In den meisten Fällen ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit das Motiv – sowohl gegen queere als auch gegen muslimische Menschen. Letztere werden pauschal unter Generalverdacht gestellt oder Ziel von Gewalt und Bedrohungen im Internet. Was hier passiert, sind gezielte Angriffe durch Posts, Hasskommentare, und -videos auf Gruppen und Einzelpersonen.
HateAid-Geschäftsführerin Josephine Ballon:
„Es war absehbar, dass radikale Akteur*innen den menschenfeindlichen Anschlag auf dem Berliner CSD nutzen, um selbst andere zu entmenschlichen und ihre Parolen und Denkweisen zu etablieren und normalisieren. Der Anschlag darf nicht dazu missbraucht werden, Ausgrenzung gegen queere, muslimische, jüdische oder Menschen mit Migrationshintergrund weiter voranzutreiben. Wer Hass mit weiterem Hass beantwortet, vertieft gesellschaftliche Gräben und gefährdet den demokratischen Zusammenhalt.“
HateAid fordert endlich wirksame Maßnahmen gegen Hass im Netz, einen niedrigschwelligen Zugang zum Recht für Betroffene sowie eine konsequente Durchsetzung bestehender Gesetze, damit digitale Räume Orte der demokratischen Teilhabe bleiben. Plattformen müssen Verantwortung übernehmen, moderieren und sicherstellen, dass strafbare Inhalte wirklich über Meldewege entfernt werden können. In einer Untersuchung von HateAid zeigten sich gravierende Mängel bei Löschwegen: Nur etwa die Hälfte der illegalen Inhalte wurde entfernt. Nutzende und Betroffene digitaler Gewalt haben zwar formal Rechte, der Zugang bleibt ihnen jedoch in vielen Fällen verwehrt.
Das Internet dient seit seiner Entstehung für viele als sicherer Ort, wo Menschen einander finden und sich austauschen können. Gerade nach Ereignissen wie dem Anschlag auf den CSD wird noch einmal mehr deutlich, dass solche sicheren Räume wichtiger denn je sind. Ob online oder offline: Menschen müssen sich frei, sichtbar und sicher in ihrem Umfeld fühlen können, ohne Angst vor Hass oder Gewalt.
HateAid ist tief erschüttert über den mutmaßlich islamistischen Anschlag auf dem Berliner CSD. Der Anschlag richtet sich gegen queeres Leben und gegen die Werte einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Unsere Gedanken sind weiterhin bei den Opfern, denen nun ein weiterer Ort der Sicherheit und Gemeinschaft genommen wurde, bei ihren Angehörigen und allen, die diese Gewalttat miterleben mussten.
HateAid gGmbH
Die gemeinnützige Organisation HateAid wurde 2018 gegründet und hat ihren Hauptsitz in Berlin. Sie setzt sich für Menschenrechte im digitalen Raum ein und engagiert sich auf gesellschaftlicher wie politischer Ebene gegen digitale Gewalt und ihre Folgen. HateAid unterstützt Betroffene von digitaler Gewalt konkret durch Beratung und Prozesskostenfinanzierung. Geschäftsführerinnen sind Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon.
HateAid ist Trägerin der Theodor-Heuss-Medaille 2023, des Rothenburger Preises für Erinnerung und Zukunft, des Wertepreises für Demokratie der Werte-Stiftung, des For..Net Awards der Technischen Universität München und des Günter-Wallraff-Preises für Pressefreiheit und Menschenrechte 2026. 2025 nahm Anna-Lena von Hodenberg stellvertretend für die NGO das Bundesverdienstkreuz entgegen.
Pressekontakt: presse@hateaid.org