Tech ohne Tech Bros: HateAid setzt auf souveräne Infrastruktur ohne US-Einfluss
Gegen die Geschäftsführerinnen Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon wurden im Dezember 2025 Einreiseverbote in die USA ausgesprochen und die Verhängung von Finanzsanktionen angedroht. Seitdem muss die Menschenrechtsorganisation sich auf eine mögliche neue Lage vorbereiten und seine digitalen Systeme unabhängig von Diensten der US-Plattformen machen. Dazu startet HateAid nun eine weitreichende Kampagne für souveränes Tech ohne US-Einfluss und sucht neue Unterstützer*innen.
Morgens den Laptop öffnen und nichts funktioniert mehr: Kein Kommunikationstool, keine Kreditkarte, keine Social-Media-Kanäle. Für HateAid und alle Mitarbeitenden ist das eine reale Bedrohung. Wer die mächtigsten Tech-Konzerne der Welt in die Verantwortung nimmt, sollte nicht von ihrer Infrastruktur abhängig sein. Deshalb muss sich HateAid schrittweise von digitalen Diensten US-amerikanischer Unternehmen lösen und unabhängige und europäisch verankerte IT-Systeme aufbauen. Sichere Software und souveräne europäische Alternativen: Das kann HateAid allein nicht leisten. Mit der Kampagne „Tech ohne Tech Bros“ sucht die gemeinnützige Organisation nun 5.000 neue Unterstützer*innen.
HateAid steht seit 2018 Menschen zur Seite, die digitale Gewalt erleben, setzt sich politisch und juristisch gegen Hass im Netz ein. Doch ausgerechnet für diese Arbeit ist HateAid bislang teilweise auf Software und Kommunikationsdienste von Unternehmen angewiesen, gegen deren Geschäftsmodelle und mangelnde Verantwortungsbereitschaft die Organisation vorgeht, etwa im Bereich Kinder- und Jugendschutz. Dieser Zwiespalt betrifft auch andere zivilgesellschaftliche Organisationen in Europa.
Dazu Anna-Lena von Hodenberg, HateAid-Geschäftsführerin:
„Mögliche Sanktionen bedeuten für uns ganz konkret: Eines Morgens den Laptop zu öffnen, um loszulegen mit der Arbeit und plötzlich geht nichts mehr. Als ich im Dezember 2025 von den US-Einreiseverboten gegen mich und meine Co-Geschäftsführerin Josephine Ballon erfahren habe, habe ich verstanden, dass der Druck gegen unsere Arbeit aus den USA keine leeren Worte mehr sind. Es ist ein persönlicher Einschüchterungsversuch, aber auch ein Angriff auf die Handlungsfähigkeit der Zivilgesellschaft. Weder Regierungen noch Tech-Konzerne dürfen entscheiden, ob Betroffene Hilfe erhalten und ihre Rechte durchsetzen können. Deswegen brauchen wir eine eigene digitale Infrastruktur.“
Dazu Josephine Ballon, HateAid-Geschäftsführerin:
„Gegen uns wurde nicht nur ein Einreiseverbot verhängt, sondern uns wurden auch Sanktionen angedroht. Hierfür braucht es nicht mehr als ein Dekret des US-Präsidenten. In diesem Fall geht es um weit mehr als unsere persönliche Reisefreiheit. Man nennt es auch ‚bürgerlichen Tod‘, denn es bedeutet zwangsläufig den Verlust des Zugangs zu internationalen Zahlungsdiensten und sämtlichen US-Diensten. Für HateAid ist das existenzbedrohend, denn wir müssen Rechnungen bezahlen, die Betroffenenberatung muss auf Daten zugreifen und wir müssen erreichbar sein. Während es für Zahlungsdienste keine Alternativen gibt, können wir im Bereich der IT-Infrastruktur für Alternativen sorgen und uns unabhängig machen, damit wir weiterhin Betroffene beraten können.“
US-Einreiseverbote gegen Geschäftsführerinnen
Im Dezember 2025 verhängte die US-Regierung Einreiseverbote gegen die Geschäftsführerinnen Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon. Der Grund: Ihr Einsatz dafür, dass Tech-Konzerne sich auch in Europa an geltendes Recht halten und Verantwortung für digitale Gewalt übernehmen. Eine kleine Berliner Menschenrechtsorganisation geriet damit in den Fokus einer Weltmacht, weil sie sich gegen die politische Macht großer Tech-Plattformen stellt.
Der Druck möglicher Sanktionen erschwert die wichtige Arbeit, die HateAid leistet. Daher hat die Menschenrechtsorganisation sich entschieden, voranzuschreiten und zu zeigen, dass ein Internet ohne Einwirken der US-Tech-Bosse möglich ist.
HateAid gGmbH
Die gemeinnützige Organisation HateAid wurde 2018 gegründet und hat ihren Hauptsitz in Berlin. Sie setzt sich für Menschenrechte im digitalen Raum ein und engagiert sich auf gesellschaftlicher wie politischer Ebene gegen digitale Gewalt und ihre Folgen. HateAid unterstützt Betroffene von digitaler Gewalt konkret durch Beratung und Prozesskostenfinanzierung. Geschäftsführerinnen sind Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon.
HateAid ist Trägerin der Theodor-Heuss-Medaille 2023, des Rothenburger Preises für Erinnerung und Zukunft, des Wertepreises für Demokratie der Werte-Stiftung, des For..Net Awards der Technischen Universität München und des Günter-Wallraff-Preises für Pressefreiheit und Menschenrechte 2026. 2025 nahm Anna-Lena von Hodenberg stellvertretend für die NGO das Bundesverdienstkreuz entgegen.
Pressekontakt: presse@hateaid.org
