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Nic Kaufmann. Copyright: Imago

Creator Nic Kaufmann über 20 Millionen Follower und Hass-Spiralen: „Das geht dann viral und alle machen mit“

Mit bis zu einer Milliarde Views insgesamt auf seine Posts kennt er auch die Schattenseiten von Social Media. Warum der größte Kampf mental ist und es für Frauen viel schlimmer ist. Wie bleibt man stark, wenn das Internet einen hasst?

Hi Nic, danke, dass du uns bei HateAid zum Interview triffst. Wie gehst du eigentlich mit Hasskommentaren um?

Ich kann nicht in einer perfekten Blase leben, in der ich ständig poste, erfolgreicher werde und niemand etwas Negatives sagt. Das ist nicht die Realität. Für mich sind Hasskommentare einfach ein Teil des Erfolgs. Wenn man etwas Großes erreichen will, gibt es immer Leute, die eine negative Meinung haben. Ich habe über alle Plattformen hinweg etwa 20 Millionen Follower*innen. In meiner Karriere habe ich zwischen einer halben und einer Milliarde Menschen erreicht. Die haben sich alle eine Meinung über mich gebildet, sei es für ein paar Sekunden oder länger.

Wenn man auf diesem Level erfolgreich sein will, muss man leider akzeptieren, dass es Leute gibt, die eine negative Meinung zu mir haben. Das liegt oft daran, dass andere mit meinem Erfolg konfrontiert werden und das für sie unangenehm ist. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, mein Leben zu veröffentlichen und diesem Erfolg hinterherzujagen. Dazu gehört auch, dass es negative Kommentare gibt.

Für andere Personen ist das Problem viel relevanter, die sich diese Situation eben nicht ausgesucht haben und trotzdem unter dem Hass leiden müssen.

Wie gehst du mit den Schattenseiten von Social Media um, besonders als großer Creator?

Ich glaube, der größte Kampf ist mental. Es ist schwer, seinen Selbstwert nicht an Zahlen, Erfolg oder Content-Output zu knüpfen. Viele Creator*innen, die erfolgreich sind, haben damit zu kämpfen. Für mich ist es eine der größten Herausforderungen, mich davon zu lösen. Natürlich sagt man leicht: „Ich lasse mich davon nicht beeinflussen.“ Aber irgendwo ist es einem dann doch wichtig.

Hinzu kommt, dass man dafür bezahlt wird. Je erfolgreicher man ist, desto mehr Geld gibt es für Kampagnen. Das macht es noch schwieriger, sich von den Zahlen zu distanzieren.

Wusstest du, dass es Organisationen wie HateAid gibt, die Betroffenen helfen?

Ja, ich kenne HateAid über die Elevator Boys, mit denen ich befreundet bin. Sie sind auch Influencer und haben vor ein paar Jahren angefangen, mit HateAid zusammenzuarbeiten, um mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Hass im Internet zu lenken. Ich finde das richtig toll.

Findest du es unfair, dass Plattformen von Hass profitieren, während Creator*innen wie du darunter leiden?

Ich frage mich gar nicht, ob das fair ist oder nicht. Aus meiner Sicht war es schon immer so: Bevor es Algorithmen gab, gab es Tabloid-Magazine und Zeitungen, die über Prominente geschrieben haben, was sie wollten. Damals gab es ein noch größeres Paparazzi-Problem. Und davor gab es Fernsehen und Moderator*innen, die ihre Meinung gesagt haben. Solange es menschliche Gesellschaften gibt, gibt es auch Hass.

Gleichzeitig kommt es auf die Art des Hasses an. Ich bin in einer glücklichen Position, weil ich bisher noch in keine Hass-Spirale geraten bin, bei der sich eine Internet-Community entscheidet, mich gezielt anzugreifen. Ich sehe, wie genau das anderen Creator*innen passiert. Es ist völlig ungerecht, weil sie oft nichts Falsches gemacht haben, sie haben einfach Pech. Irgendjemand entscheidet sich, sie zur Zielscheibe von Hass zu machen. Das geht dann viral und alle machen mit.

Natürlich könnten Plattformen mehr tun, um das zu verhindern. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass einige Creator*innen durch Hass sogar erfolgreicher werden. Ihre Videos gehen viral, weil sie Hasskommentare bekommen. Das ist ein Dilemma: Einerseits will man den Hass stoppen, andererseits profitieren manche davon. Ich glaube, das ist von Fall zu Fall unterschiedlich und hängt stark von der Person ab. Es kommt auch darauf an, in welcher Ecke des Internets der Content landet. Für Frauen ist es oft viel schlimmer, wenn ihr Content in toxischen Männer-Communities landet. Die reagieren dann mit extremem Hass.

Hilft dir deine Community?

Auf jeden Fall. Oft verteidigt mich meine Community, wenn ich Hass bekomme. Es berührt mich immer, wenn mich Leute, manchmal sogar mit ihrem echten Namen und Gesicht auf ihrem Profilfoto, verteidigen. Und das nur, weil sie Fans meines Contents sind. Ich glaube an die grundsätzliche Positivität der Menschheit. Es ist schön zu sehen, wie Menschen aus dem Nichts zusammenkommen, um mich zu unterstützen, obwohl sie mich nicht persönlich kennen. Sie nehmen sich Zeit, um gegen Hass vorzugehen. Das finde ich immer sehr bewegend.

Was würdest du Betroffenen raten, die Hass erfahren?

Ich würde mir wünschen, dass wir Nutzer*innen und vor allem Kinder- und Jugendliche besser darauf vorbereiten, dass es im Leben Hater*innen geben wird. Der Fokus sollte auf dem Aufbau von Selbstbewusstsein, einem positiven Selbstbild und mentaler Gesundheit liegen.

In Deutschland gibt es einen mangelnden Fokus auf diese Themen, auch im Bildungssystem. Ich weiß selbst, wie sehr Therapie mir geholfen hat, ein inneres Selbstbewusstsein aufzubauen, toxische Schamgefühle aus Kindheit und Jugend loszuwerden und nicht zulassen, dass sie mein Leben steuern. Diese toxischen Schamgefühle sind oft die Ursache für viele Probleme in der Gesellschaft, von Gewalt über Online-Hass bis hin zu Sucht, Angststörungen und Depressionen.

Ich empfehle auch allen Creator*innen, sich einen Therapeuten, Karrierecoach oder Mentor zu suchen. Die wenigsten Menschen haben Eltern, die in der Lage sind, ihnen ein starkes Selbstbild zu vermitteln. Oft sind die Eltern selbst verletzt oder kämpfen mit ähnlichen Problemen. Da ist eine Expertin extrem hilfreich.

Titelbild: Imago

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