Ein heißer Julitag im Freibad und du wirst heimlich mit Smart Glasses gefilmt
Der Geruch nach Chlor, Pommes mit Ketchup und umherlaufende Kinder – all das gehört zu einem Tag im Freibad dazu. Schwimmer*innen ziehen ihre Bahnen im Wasser, auf der Wiese sonnt sich eine junge Frau im Bikini. Ein paar Liegen weiter sitzt ein Mann mit Sonnenbrille und hält eine Zeitschrift. Aber er liest nicht. Er filmt heimlich die junge Frau. Das tut er nicht mit einem Handy, was zu auffällig wäre. Er nutzt dafür seine Brille, sogenannte Smart Glasses. Die junge Frau merkt davon nichts. Sie wurde nicht gefragt, hatte keine Möglichkeit, Nein zu sagen und wird auch nie wissen, wer dieses Video später alles sehen kann.
Was tun, wenn es dich trifft?
Betroffene stehen erst einmal allein da und wissen oft nicht, was sie überhaupt tun können. Ein paar konkrete erste Schritte, falls du jemals in so eine Situation gerätst:
- Sichere frühzeitig Beweise: rechtssichere Screenshots, Links, Nutzer*innenprofile, Zeitstempel sowie Kommentare und Reichweiten der Inhalte.
- Melde die Inhalte danach bei der jeweiligen Plattform und beantrage die Entfernung.
- Ziehe in Betracht, dich anwaltlich beraten zu lassen: Je nach Fall kommen zivilrechtliche Ansprüche auf Unterlassung, Löschung oder Schadensersatz infrage, manchmal auch datenschutzrechtliche Ansprüche. Bei uns bekommst du in der Beratung Hilfe, für die beste Option für dich klick dich durch unseren HateAid-Buddy. Und: Lasst euch von der komplizierten Rechtslage nicht entmutigen. Genau dafür sind wir da.
So hätte es laufen können. Diese spezifische Situation ist rein fiktiv, sie kann jedoch überall Realität werden. Und ist sie auch schon. Und es gibt erste Reaktionen: Genau dieses Szenario hat die Stadt Potsdam dazu gebracht, als eine der ersten Kommunen in Deutschland die Nutzung von Smart Glasses in ihren Schwimmbädern und Saunen zu verbieten. Der Antrag kam von der Fraktion Grüne/Volt, die Stadtverordneten haben es beschlossen. Das Verbot soll fest in die Haus- und Badeordnung der Bäderlandschaft Potsdam aufgenommen werden.1 Die Begründung ist simpel: Datenbrillen mit Kamera ermöglichen unauffällige Aufnahmen, ohne dass Betroffene davon etwas merken. Und genau solche Aufnahmen landen zunehmend in sozialen Netzwerken. Das Bäder-Personal soll künftig sogar geschult werden, um Smart Glasses überhaupt zu erkennen. Denn das ist gar nicht so einfach: Viele Modelle sehen aus wie ganz normale Sonnenbrillen.2

Willkommen in der Zukunft, die wir uns nicht ausgesucht haben
Wer hier an die dystopische UK-Fernsehserie Black Mirror denkt, ist nicht allein. Schon 2011 erzählte die Serie in der Folge „The Entire History of You“ von einer Zukunft, in der ein Implantat namens „Grain“ alles aufzeichnet, was ein Mensch sieht und hört. Jederzeit abrufbar, jederzeit wieder abspielbar. Was in der Episode als Beziehungsdrama beginnt, entwickelt sich zu einer bitteren Studie darüber, was permanente Aufnahmen mit Vertrauen, Nähe und dem Recht, auch mal etwas zu vergessen, anrichtet.
In Film- und Fernsehen ist das heimliche Aufnehmen oder Filmen ein gern genutztes Thema. In „Arkangel“, inszeniert von Jodie Foster, lässt eine panische Mutter ihrer kleinen Tochter einen Chip ins Gehirn setzen, nachdem das Mädchen kurzzeitig auf einem Spielplatz verschwunden war. Der Chip zeigt der Mutter jederzeit den Standort, die Vitalwerte und sogar das, was das Kind gerade mit eigenen Augen sieht. Angepriesen wird das Ganze als reines Schutzprogramm.3
Genau das Argument es diene doch dem Schutz, wird immer wieder in der Debatte um Aufnahmetechnologien in den Vordergrund gestellt. Kameras, Tracking, Überwachung: Fast immer werden sie zuerst mit guten Absichten eingeführt. Das Problem ist nicht die Absicht selbst, sondern wie leicht sich genau dieses Argument missbrauchen lässt. Denn sobald die Technologie erst einmal existiert, fällt sie schnell in die falschen Hände. Was als Fürsorge beginnt, kann in Kontrollverlust enden. In den Geschichten aus Film und Serien wissen die Personen wenigstens meistens, dass sie beobachtet werden. Bei Smart Glasses im Jahr 2026 ist genau das nicht mehr garantiert.
Warum die Plattformen wenig reagieren
Ja, auch wir bei HateAid lieben eine gute dystopische Serie mit Popcorn auf dem Sofa. Nur eben nicht, wenn sie Wirklichkeit wird und als Fall in unserer Beratung auftaucht. Eines der großen Probleme für Betroffene: Die Videos bleiben oft viel zu lange online. Wenn Videos ohne vorherige Zustimmung im Internet landen, reagieren die Plattformen häufig auffällig langsam. Kein Zufall, sondern System. Denn jeder Klick, jeder Kommentar und jede Empörung bringt Reichweite. Das bedeutet wiederum mehr Einnahmen und mehr Geld in den Kassen. Ein Video, das viral geht, weil eine Frau darin gedemütigt oder sexualisiert wird, ist für die Plattform erstmal wirtschaftlich wertvoll, ganz unabhängig davon, wie sehr es das Leben der betroffenen Person aus den Bahnen wirft. Der Schutz von Privatsphäre fällt damit den wirtschaftlichen Interessen weniger Konzerne zum Opfer, die diese Plattformen besitzen und steuern.
Es kann besser laufen
Doch die Betroffenen wehren sich: Nach Skandalen um heimliche Aufnahmen mit seinen Smart Glasses kündigte Meta zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen an. Die Kamerabrillen, die Videos und Fotos aufzeichnen können, wurden in der Vergangenheit zur Belästigung genutzt, wie Recherchen des SPIEGEL4 und anderer Medien zeigten. Zwar haben die Kameras kleine Blinklichter, die eigentlich dafür sorgen sollen, dass klar ist, dass gefilmt wird. Im Internet existieren aber Anleitungen, wie das manipuliert werden kann. Etwa, indem das Licht einfach abgeklebt wird. Dann kann das Gegenüber die Smart Glasses optisch nicht erkennen, weil sie wie eine normale Brille wirken.
Seit der Markteinführung der smarten Brillen, die Meta in Kooperation mit Ray-Ban anbietet, wurden weltweit über sieben Millionen Stück verkauft.5 Und schnell tauchten im Internet zahlreiche Aufnahmen auf, die ohne Wissen der Betroffenen erstellt wurden, oft mit sexualisierendem oder belästigendem Inhalt. Künftig soll bei Meta ein Update die Kamerafunktion deaktivieren, wenn das Warnlicht manipuliert, etwa abgeklebt oder zerstört wird. Ob das in der Praxis klappt, bleibt abzuwarten.
Eine unbefriedigende rechtliche Grauzone
Wer jetzt denkt „Das ist doch bestimmt verboten“, hat nur teilweise Recht. Solche Aufnahmen können nur je nach Fall strafbar sein. Das Problem liegt im Detail: Heimliches Filmen ist in Deutschland zwar in bestimmten Fällen rechtswidrig, zieht aber in aller Regel keine strafrechtlichen Konsequenzen nach sich. Richtig geschützt sind vor allem Bereiche wie die eigene Wohnung. Öffentliche Orte wie der Strand, das Sommerbad oder die Straße zählen bislang nicht dazu. Strafbar ist dort meist erst die Verbreitung der Aufnahme, nicht die Aufnahme selbst. Selbst dafür aber gibt es Ausnahmen, etwa, wenn die abgebildete Person nicht klar erkennbar ist.
Ein neuer Referentenentwurf für ein Gesetz gegen digitale Gewalt soll zumindest sexualisierende Aufnahmen von bekleideten Personen im öffentlichen Raum stärker in den Blick nehmen. Klingt gut, wirft in der Praxis aber neue Fragen auf: Der Entwurf verlangt, dass eine Aufnahme „in sexuell bestimmter Weise“ angefertigt wurde, ein Begriff mit reichlich Interpretationsspielraum. Die Auslegung kann in beide Richtung gehen, wird er zu weit ausgelegt könnten weit mehr Aufnahmen strafbar sein als die Bikini-Aufnahmen. Wird er zu eng ausgelegt, greift das Gesetz am Ende nur in wenigen Fällen. Das heißt das Filmen von Frauen im Bikini im Schwimmbad könnte nicht geschützt sein. Hier braucht es Nachschärfung, damit aus einem gut gemeinten Gesetz auch ein wirksames wird.

Wenn Technologie wirklich hilft
Ein wichtiger Fakt vorweg: Smart Glasses sind nicht per se das Böse in Brillenform, sie haben in der Nutzung auch für viele Vorteile. Eine andere Szene: Ein Mensch mit Sehbehinderung steht vor einem Supermarktregal, tippt kurz gegen die Bügel der eigenen Brille, und eine Stimme im Ohr beschreibt, was vor ihm liegt: Nudeln links, Reis rechts, Haltbarkeitsdatum in drei Monaten. Für Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit können solche Geräte tatsächlich mehr Selbstständigkeit bedeuten. Über einen Sprachbefehl lassen sich etwa Freiwillige des Dienstes „Be My Eyes“ zuschalten. Sie beschreiben per Kamerabild in Echtzeit, was gerade vor der Person passiert.6 Andere KI-Brillen wie „Envision“ oder „OrCam“ lesen Texte vor und erkennen Gesichter, Farben oder Geldscheine.7 Das ist echte, spürbare Teilhabe, eine Technologie, die Barrieren abbaut, statt neue aufzubauen.
Genau das macht die Sache so kompliziert. Nicht die Technologie selbst ist das Problem, sondern die Frage, in wessen Händen sie landet, wofür sie benutzt wird und welche Regeln wir für die Nutzung festlegen. Ein Werkzeug ist nie neutral, sobald Menschen involviert sind.

Pick-up-Artists und die Content-Maschine
Denn während die einen Smart Glasses nutzen, um sich die Welt besser zu erschließen, nutzen andere sie, um Frauen, queere Menschen oder PoC heimlich zu filmen. In der Praxis sieht das so aus: Eine Frau wartet an der Ampel. Ein Mann spricht sie an: Small Talk, ein Kompliment, die Frage nach der Handynummer. Ein gewöhnlicher, vielleicht sogar angenehmer Moment. Was sie nicht sieht: Er trägt eine unauffällige Brille, die das komplette Gespräch aufzeichnet. Vor allem sogenannte Pick-up-Artists haben die kleinen Kameras für sich entdeckt. Sie sprechen Frauen auf der Straße an, versuchen sie zu Dates zu überreden. Das Ganze filmen sie verdeckt mit. Die betroffenen Frauen wissen davon nichts. Bis sie zufällig über ein Video von sich selbst im Netz stolpern.
Wenn Charisma zur Content-Strategie für heimliches Filmen wird
Unter „Rizz-Content“ firmiert das Ganze in Sozialen Medien. Mit Charisma, das im Netz zu „Rizz“ abgekürzt wird, hat das Ganze für die Betroffenen aber wenig zu tun: Ein Abend auf dem Sofa, eine Freundin schickt einen Link, „Bist das nicht du?“. Plötzlich ist die betroffene Person Hauptfigur in einem Video, das Millionen Menschen gesehen haben – ohne dass sie je zugestimmt hätte. In den Kommentarspalten wird sie auf den eigenen Körper reduziert, entmenschlicht, bewertet wie ein Produkt. Die Kontrolle darüber, wer einen sieht und was mit den Aufnahmen passiert, ist komplett weg. Für immer, oder zumindest für sehr, sehr lange.

Die Debatte um Smart Glasses und KI-gestützte Aufnahmetechnologien wird in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch größer werden. Mittlerweile gibt es vier verschiedene Arten von Smart Glasses: AR-Brillen (z. B. Microsoft HoloLens), Kamerabrillen (z. B. Meta, Ray-Ban), VR-Brillen (z. B. Meta Quest) und Enterprise-Lösungen (z. B. RealWear). Sie dienen je nach Modell der Datenaufzeichnung, Augmented Reality, virtuellen Welten oder beruflichen Anwendungen. Kameras werden kleiner, unauffälliger und alltäglicher. Umso wichtiger ist es, jetzt über wirksame Schutzmechanismen zu sprechen, statt erst zu reagieren, wenn der nächste virale Skandal längst passiert ist. Nur weil etwas technisch möglich ist, heißt das nicht automatisch, dass es gesellschaftlich in Ordnung sein muss.
Quellen
- https://www.berliner-zeitung.de/article/potsdam-beschliesst-verbot-von-smarten-brillen-in-schwimmbaedern-und-saunen-10061784 ↩︎
- https://www.giga.de/tech/potsdam-sagt-smart-glasses-den-kampf-an-aus-gutem-grund–01KTKW1WD298NHK9S3515CK56S ↩︎
- https://www.fernsehserien.de/black-mirror/folgen/4×02-arkangel-1134201 ↩︎
- https://www.spiegel.de/netzwelt/smart-glasses-meta-kuendigt-zusaetzliche-sicherheitsvorkehrungen-fuer-kamera-brillen-an-a-d22e699a-1374-439f-8bd7-8e9b2beea7ec ↩︎
- https://www.heise.de/news/Meta-hat-sieben-Millionen-Smart-Glasses-verkauft-11173667.html ↩︎
- https://www.heise.de/hintergrund/Metas-KI-Brillen-helfen-Blinden-im-Alltag-und-werfen-neue-Fragen-auf-11304185.html ↩︎
- https://www.aktion-mensch.de/inklusion/barrierefreiheit/hilfsmittel-fuer-blinde-menschen ↩︎