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Eine Frau im Rollstuhl arbeitet in einem Büro am PC.

Ableismus: Digitale Gewalt und Barrieren grenzen Menschen mit Behinderung im Netz aus 

Es ist mittlerweile mehr als zwei Jahre her, dass die Corona-Pandemie ausgebrochen ist. Zwei Jahre, in denen wir Maske tragen, Abstand halten und uns isolieren mussten. Während diese Zeit für uns alle eine große Belastungsprobe war und ist, mussten sich einige Menschen aufgrund von Vorerkrankungen besonders stark schützen.  

Zu dieser Gruppe zählen auch Menschen mit Behinderung. Die Angst vor einer Infektion zwang viele dazu, die analoge Öffentlichkeit zu meiden. Umso mehr an Bedeutung gewann in dieser Zeit das Digitale. Es bietet gerade für diese Menschen eine wichtige Plattform zur gesellschaftlichen Teilhabe und den sozialen Austausch. Leider sind insbesondere sie dort stark von Diskriminierung, Hass und digitaler Gewalt betroffen, wie aktuelle Statistiken belegen. 

Menschen mit Behinderung in Deutschland 

Laut Statistischem Bundesamt werden aktuell in Deutschland ca. 7,8 Millionen Menschen in Deutschland offiziell als schwerbehindert anerkannt. Das sind fast 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Nach dem Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes sind damit Menschen gemeint, die für einen längerfristigen Zeitraum (von mindestens 6 Monaten) mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen leben. Auch Beeinträchtigungen der Sinne, wie Gehörlosigkeit, Blindheit, Schwerhörigkeit oder Taubblindheit zählen laut dem Gesetz zu Behinderungen. Personen, die eine Lern- oder Sprachbehinderung haben, gelten ebenfalls als schwerbehindert, wenn die Versorgungsämter – wie in den anderen Fällen auch – einen Behinderungsgrad von mindestens 50 attestieren. 

In den seltensten Fällen bestehen diese Behinderungen schon seit der Geburt oder dem Kindesalter. Bei einem Großteil der schwerbehinderten Menschen tritt die Behinderung erst im Laufe des Lebens ein. Die häufigste Ursache ist dabei Krankheit. Folglich waren zum Jahresende 2021 knapp 80 Prozent der schwerbehinderten Menschen älter als 55 Jahre.  

Ein Mann mit Gehhilfen im Eingangsbereich eines Unternehmens.
7,8 Millionen Menschen in Deutschland werden offiziell als schwerbehindert anerkannt. Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Diskriminierung im Netz 

Im Internet stoßen Menschen mit Behinderung tagtäglich auf unzählige Barrieren. Zum Beispiel sind viele Websites nicht barrierefrei gestaltet. Das heißt, dass es bestimmte Design-Elemente gibt (oder nicht gibt), die das Surfen im Netz erschweren. Wenn in Online-Videos Untertitel fehlen, können gehörlose Menschen den Inhalt nicht verstehen. Fehlende Bildbeschreibungen auf einer Website schließen blinde Menschen aus. Wenn eine Website nicht per Sprachsteuerung bedient werden kann, stoßen motorisch-eingeschränkte Personen, die keine Maus benutzen können, auf Hürden.  

Oftmals sind es scheinbar leicht zu behebende Elemente und Einstellungen wie mangelhafte Kontaktmöglichkeiten oder zu niedrige Kontraste, die Menschen bei der Navigation im Netz behindern. Vor allem Angebote in der Gesundheitsvorsorge, in Kindertageseinrichtungen, Schulen und Justiz sollen laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Menschen mit Behinderung überdurchschnittlich häufig benachteiligen. Eine Art strukturelle und institutionalisierte Diskriminierung findet statt. 

Ein mann am PC und Mischpult bearbeitet Untertitel für ein Online-Video.
Werden Videos online ohne Untertitel gepostet, können sie nicht von allen Menschen genutzt werden. Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Politiker Bijan Kaffenberger berichtet von seinen Erfahrungen mit intersektionaler Diskriminierung im Netz

Barrieren und Diskriminierung auf Social Media 

Aber auch Nutzer*innen von sozialen Netzwerken stoßen mitunter schnell an technische Grenzen, wenn sie eine Behinderung haben. So zum Beispiel der TikToker Erdin Çıplak, der unter dem Namen Mr. BlindLife bekannt geworden ist. In seinen Videos gibt er Einblicke in seinen Alltag, den er mit einer extrem eingeschränkten Sehkraft bestreitet. Auf dem rechten Auge beträgt diese weniger als zwei Prozent, außerdem hat er hier ein extrem kleines Gesichtsfeld. Auf seinem linken Auge sieht er mit seiner Brille maximal zwei Prozent. Erdin gilt damit als gesetzlich blind. Er kann je nach Lichtverhältnissen Unterschiede zwischen Hell und Dunkel, Umrisse und Farben erkennen. Im Gespräch mit HateAid berichtet er von seinen Erfahrungen mit der Bedienbarkeit von Social Apps. Diese lassen seiner Meinung nach noch stark zu wünschen übrig: 

„Über Voice Over in den TikTok-Bereich mit gefilterten Kommentaren zu kommen, ist eine Katastrophe. Dort funktioniert die Sprachsteuerung nicht, heißt: Nur Menschen mit minimaler Sehkraft, die eine Lupe nutzen können, können den Bereich nutzen und Hasskommentare löschen. […] Bei TikTok kommt man nicht mal ins Menü, weil das nicht anständig benannt ist. Aus meiner Sicht Kleinigkeiten, die man eigentlich schnell machen könnte. […] Auch bei Storys in Instagram sehe ich viele Barrieren. Wenn keine Beschreibung und kein Text hinzugefügt wurde, weiß ich ja nicht, was auf dem Bild zu sehen ist. Auch das sehe ich als Diskriminierung an.” 

So wie Erdin Çıplak geht es vielen Menschen in Deutschland. Der Zugang zu bestimmten Angeboten und Dienstleistungen im Netz ist für sie stark eingeschränkt. Auch das führt dazu, dass Menschen mit Behinderung  aus der Mitte der Gesellschaft ausgegrenzt werden.

Ein Mann nutzt zum Surfen im Netz Hilfstechnologie für blinde und sehbehinderte menschen. Er sitzt vor einer Tastatur mir Braillezeile und einem Smartphone.
Mit Hilfe von bestimmten Technologien können blinde und sehbehinderte Menschen im Netz surfen. Das gelingt allerdings nur, wenn Websites & Social-Media-Plattformen, die sie besuchen, auch ein barrierefreies Angebot haben. Foto: Michel Arriens | www.michelarriens.de

Ableismus als gesellschaftliches Problem 

Der TikToker Erdin aka Mr. BlindLife mit seinem Blindenstock in einer U-Bahn-Station, die gelb gefliest ist. Er folgt mit seinem Stock dem Bodenleitsystem und schaut dabei in die Kamera.
Erdin erlebt als TikToker viel Hass im Netz. Foto: Mr. BlindLife

Eine weitere Herausforderung ist der direkte Hass und die Diskriminierung, denen Menschen mit Behinderung häufig ausgesetzt sind. Als „Ableismus“ bezeichnet man diese abwertende Bewertung von Menschen aufgrund körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen. Der Begriff setzt sich aus dem englischen Wort able (dt. zu etwas fähig sein) und –ismus zusammen und bezieht sich auf die angenommene Zuschreibung bzw. das Fehlen von bestimmten Fähigkeiten. Der TikToker Mr. BlindLife erfährt Ableismus regelmäßig bei Live-Übertragungen in Form von Hasskommentaren

„Wenn ich bei TikTok live gehe und beleidigt werde, bekommen das natürlich alle sofort mit. Die Sprachausgabe liest die Beleidigungen klar und deutlich vor. Das verletzt. Ich habe auch schon Lives beendet, weil es mir zu viel wurde. […] Manchmal fangen Hater*innen auch an, mich in den Kommentaren zu mobben, etwa mit Kommentaren wie ‚Kannst du mich sehen?’ oder ‚Wie viele Finger zeige ich?’” 

Nicht immer sind die Autor*innen von ableistischen Kommentaren so hasserfüllt wie im Beispiel von Erdin Çıplak. Ableismus kann auch in Form einer Aufwertung geäußert werden, wenn dadurch Menschen auf ihre Behinderung reduziert werden. Das kann zum Beispiel passieren, wenn eine Person mit einer körperlichen Behinderung im Alltag für ihre Aktivität vermeintlich gelobt wird: „Wie schön, dass du trotz deiner Behinderung einkaufen gehen kannst!” Ähnlich wie beim Phänomen des Alltagsrassismus werden dabei bestimmte Merkmale der Person hervorgehoben – eine Ungleichbehandlung findet statt.

Beratung bei Gewalt im Internet: Tipps in Leichter Sprache

Initiativen gegen ableistischen Hass im Netz 

Wenn du persönlich von Hass im Netz oder Ableismus betroffen bist, kannst du dich jederzeit an unsere Betroffenenberatung wenden. Neben unserem Beratungsangebot gibt es zahlreiche Initiativen in ganz Deutschland, die digitale Barrieren für Menschen mit Behinderung abbauen und Betroffene von ableistischer digitaler Gewalt unterstützen.  

So zum Beispiel die Mehrwerk gGmbH in Niedersachsen. Hier werden regionale Workshops für Frauen und Mädchen mit Behinderung angeboten. In den Workshops lernen sie zum Beispiel, welche Sicherheitseinstellungen auf dem Smartphone wichtig sind und woran sie Fake-Profile erkennen. Zudem werden sie darin bestärkt, selbstsicher Nein zu sagen und auf ihr Bauchgefühl zu hören.  

„Sie lernen, sich gegen digitale Gewalt zu wehren. Wir sagen ihnen: Du darfst zur Beratung, zur Polizei, zur Leitung in deiner Wohngruppe gehen und auf grenzverletzendes Verhalten hinweisen”, erklärt Tanja Klaslo, Mitarbeiterin im Projekt Sicher im Netz, im Interview. Das Projekt, an dem auch Fachkräfte teilnehmen, kann als Blaupause für weitere soziale Einrichtungen in Deutschland dienen, die Menschen mit Behinderung vor den Gefahren digitaler Gewalt schützen wollen. 

Auch die EU-Initiative von Coventry Youth Activists (CYA) setzt sich für einen präventiven Schutz von Menschen mit Behinderung ein. Sie fordern verbesserte Meldemechanismen auf Facebook, damit Betroffene künftig schneller gegen Hass und Hetze vorgehen können. 

Einen weiteren wertvollen Beitrag leistet das Projekt PIKSL, dass sich für einen niedrigschwelligen, barrierefreien Zugang zu Informationsressourcen einsetzt. „Dadurch soll die Teilhabe an der Gesellschaft erleichtert, die Abhängigkeit von professioneller Unterstützung reduziert und ein selbstbestimmteres Leben erreicht werden.”, schreibt die Organisation auf der eigenen Website.  

Content-Creatorin Cindy Klink erzählt, wie sie als gehörlose Influencerin Hass im Netz erlebt

Tipps für Betroffene von ableistischer Gewalt im Netz 

Anhaltende Diskriminierung kann starke negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Betroffenen haben und sich in psychosomatischen Symptomen manifestieren, wie eine aktuelle Studie belegt. Wenn du akut betroffen bist, sind unsere Berater*innen stets an deiner Seite. Hier findest du all unsere Kontaktmöglichkeiten.  

Außerdem können dir diese Tipps helfen, wenn du von digitaler Gewalt betroffen bist: 
 
1. Mit Freund*innen oder Vertrauten sprechen

Tausche dich mit anderen Menschen zu deinen Erfahrungen aus. Zum Beispiel mit anderen Betroffenen. Dadurch kannst du das Erlebte besser verarbeiten und gleichzeitig eine Strategie entwickeln, wie du dich in Zukunft besser schützen kannst. Es kann schon helfen, wenn du merkst, dass du mit diesem Problem nicht allein bist und dass es Menschen gibt, die dich schätzen und dir zur Seite stehen. 

2. Auf Durchzug schalten

Du musst nicht jeden Hasskommentar lesen und nicht auf jede Bemerkung reagieren. Vor allem, wenn du bedenkst, dass viele Trolle im Netz gezielt die Aufmerksamkeit der anderen Nutzer*innen auf sich lenken wollen. Diesen Gefallen musst du den Hater*innen nicht tun! 

3. Verfasser*innen von ableistischer Sprache und Hasskommentaren konfrontieren

Manchmal fühlt es sich befreiend an, wenn man auf eine Ungleichbehandlung aufmerksam macht, indem man beispielsweise schlagfertig kontert oder eine Gegenfrage stellt. Wenn du dich dazu emotional in der Lage fühlst, kannst du die Autor*innen ableistischer Nachrichten auch darauf hinweisen, inwiefern ihr Verhalten problematisch oder vielleicht sogar strafrechtlich relevant ist. Achte allerdings darauf, dass du dich nicht zu sehr rechtfertigst und auf eine Diskussion mit einer Person einlässt, die nicht von ihrem gefestigten, hasserfüllten Weltbild abrückt. Einige nützliche Tipps zum Thema Gegenrede findest du in diesem Beitrag

Unsere Betroffenenberatung ist für dich da

Du bist online Ableismus ausgesetzt und weißt nicht, was du tun sollst? Wende dich an unsere Beratung. Wir stehen dir zur Seite und helfen dir, gegen die Kommentare vorzugehen!

Titelbild: Andi Weiland | Boehringer Ingelheim, Gesellschaftsbilder.de

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