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Mansplaining und Lookismus in Gaming-Communitys

Nele Wobker ist freie Autorin für verschiedene Medien, die sich hauptsächlich mit Videospielen beschäftigen, wie beispielsweise die GameStar und GamePro. Als Frau in einer vermeintlichen Männerdomäne erlebt sie digitale Gewalt. Für uns berichtet sie, was ihr geschieht und wie die Branche für alle Menschen attraktiver werden könnte.

Hinweis: Dieser Artikel enthält Schilderungen zu Sexismus, Lookismus, Mansplaining & Beleidigungen.

Noch immer werden Gaming-Communitys von Männern dominiert. Frauen werden häufig nur als dekoratives Aushängeschild für „Diversität“ benutzt, ohne tatsächlich für Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen.

Dass ich permanent härter von User*innen angegangen werde, als meine männlichen Kollegen, überrascht also nicht. Zum Teil nimmt diese Kritik und das Anzweifeln meiner Befähigung für den Job absurde und gelegentlich auch übergriffige Züge an. Mein „Favorit“ war ein Kommentator, der mich unter einer Hardware-Beratung für große Gaming-Mäuse dazu aufforderte, Fotos meiner Hände zu posten, um gemeinsam mit dem Rest der Community prüfen zu können, ob ich denn überhaupt dazu geeignet bin, eine Kaufberatung zum Thema zu leiten. Gelegentlich schicken mir User*innen aber auch Links zu Technikseiten, auf denen ich mich zu Hardware-Themen belesen soll, weil ich ja offensichtlich keine Ahnung vom dem Job habe, den ich nun seit vielen Jahren mache, das sieht man ja!

Lookismus – „Du bist, wie du aussiehst“

Menschen aufgrund ihres Aussehens eine Qualifikation zuzusprechen oder abzusprechen, nennt man Lookismus. Auch meine Eignung für den Job wurde in der Vergangenheit (nicht nur von Männern) infrage gestellt, teilweise mit offen beleidigenden und bedrohenden Worten wie: „Blond + Titten = dumm“, „Fo**** wie dich will ich sehen und nicht hören“, „Der sollte mal einer ’nen Schwanz ins Maul rammen, damit sie die Schnauze hält“ oder auch subtiler: „Aber mal ehrlich, du siehst halt nicht so aus, als ob du davon Ahnung hast …“, „Männer können so etwas eben besser. Dafür kannst du ja nichts. Mach doch lieber was anderes, z. B. Ernährungsberatung.“, „Lächel doch mal/Lächel weniger“, „Zeig nicht so viel Haut/Zeig mehr Haut.“, „Färb dir die Haare braun und trag eine Brille“ usw. Getroffen haben mich meist eher die Sätze, die mich im Subtext angriffen und von denjenigen stammten, die es angeblich „nur gut“ mit mir meinten.

Mansplaining „Ich helfe dir, Kleines“

Insbesondere Menschen mit männlich gelesenen Benutzernamen sind auch gerne mal gönnerhaft und versichern mir, dass es in Ordnung sei, sich mit diesen Dingen nicht auszukennen. Selbst sie hätten lange Zeit gebraucht, um sich einzulesen und zu den Kennern heranzuwachsen, für die sie sich selbst halten. Viele fordern mich dazu auf, mir Youtube-Videos anzusehen, in denen dann irgendein anderer Dude die Meinung des Kommentatoren vertritt. Youtube macht offenbar aus jedem Menschen eine*n Expert*in. Aber das ist ja nicht nur unter Spielenden so. Einige Männer scheinen ihre Freizeit außerdem gerne damit zu verbringen, Frauen im Internet zu erklären, wie diese ihren Job besser machen können.

Don’t feed the troll

Die Kommentare bei denen ich mich lange Zeit am ehesten dazu genötigt fühlte, zu antworten, behaupten, man würde merken, dass ich die Produkte nicht selbst getestet habe und gar keine „echte Gamerin“ sei. Eine zeitlang meinte ich diese stumpfen Behauptungen richtig stellen zu müssen, zu sagen, dass ich ein ganzes Zimmer voll mit Gaming-Hardware-Testgeräten habe, die ich selbstverständlich auch benutze. Aufzuklären, wie lange ich schon in Videospielwelten lebe und mich damit befasse. Die Erfahrung, dass dann einfach der nächste Kommentar kommt, der darauf abzielt, meine Eignung für einen Job anzuzweifeln, hat mich gelehrt, derartigen Mist nicht mehr mit einer Reaktion zu würden. Trolle soll man nicht füttern. Denn egal wie oft ich schon geschrieben habe, wer ich bin und was ich mache: Bestimmte Menschen wollen es einfach nicht sehen und hören. Seit es üblich ist, ein Foto der Autor*innen in die Artikel einzubauen, hat sich das Mansplaining- und Lookismus-Problem meines Erachtens nach verstärkt.

Hass ist oft hausgemacht

Firmen, bei denen die einfachsten Grundvoraussetzungen für einen respektvollen und inklusiven Umgang miteinander, wie dem Gendern, nicht gegeben sind, müssen sich auch nicht wundern, wenn Frauen und nicht binäre Personen dort mies von der Community behandelt werden. Viele sprechen sich nur an der Oberfläche für Diversität aus und sind nicht bereit, diese auch zu ermöglichen. Man könnte nun bemängeln, dass ich damit unterstelle, Online-Medien würden sich ihre Kundschaft selbst aussuchen. Das möchte ich damit natürlich nicht zum Ausdruck bringen, sondern dass Unternehmen Verhaltensweisen aktiv und passiv beeinflussen können.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Im Schaufenster eines kleinen Spieleladens, der „Magic: The Gathering“-Karten und Brettspiele verkauft, hängt ein Flyer aus. Darauf steht: „Commander-Gruppe sucht weiteren Mann für Treffen einmal die Woche.“ Im Laden fragt der Inhaber, ob ich das Gesuch gesehen hätte. Ich bejahe und erkläre, dass man aus naheliegenden Gründen vermutlich kein Interesse daran hätte, mich in die Männergruppe aufzunehmen. „Das ist ja nicht wortwörtlich gemeint! Die suchen halt Leute, nicht nur Männer“, erklärt der Inhaber. „Okay, das steht da aber nicht!“, beharre ich. Eine kurze Unterhaltung darüber, warum Personen, die nicht männlich sind, sich davon abgeschreckt und unwillkommen fühlen könnten, folgt und auch darüber, dass durch die Wortwahl im Umkehrschluss sogar unter Umständen die falschen Leute angezogen werden könnten. Wochen später hängt der Zettel tatsächlich noch immer im Fenster, weil sich eben nur Ar********* gemeldet haben.

Sprache, ob nun geschrieben oder gesprochen, macht etwas mit uns, auch wenn wir uns nicht zu jedem Zeitpunkt darüber im Klaren sind. Mit Online-Medien verhält es sich ähnlich. Ohne dass gegendert oder genderneutral geschrieben wird, entsteht, ob bewusst oder unbewusst, das Bild einer durchweg männlichen Community, die unter sich bleiben will.

Das Bild wird auch dann nicht diverser, wenn einige Texte von Frauen oder als weiblich gelesenen Personen stammen. Diese haben es unter dem generischen Maskulinum aber durchaus schwerer. Die Gangart „Wir stellen ein paar Frauen ein und geben unserer Seite einen Regenbogenanstrich“ sorgt nicht dafür, dass die Community diverser wird, sondern lediglich dafür, dass sich die Stammkundschaft lauter und aggressiver verhält und gegen kleinste Veränderungen, die auch nur im Ansatz am Status Quo rütteln, ankämpfen. Zudem werden die besagten Frauen zusätzlich oft kleingehalten. Sei es durch einen geringeren Verdienst, Mansplaining, ungerechter Themenvergabe, weniger Mitspracherecht oder auch mangelhafter Repräsentation.

Was tun?

Indirekte Anfeindungen werden nicht gelöscht, denn wo keine klare Kategorie (z. B. Rassismus, Beleidigung, etc.) zutrifft, fehlt der Nachweis. Moderator*innen können damit schnell überfordert sein, vor allem dann, wenn sie nicht entsprechend geschult und instruiert wurden. Wo hört berechtigte Kritik auf und wo fängt eine beleidigende Herabsetzung an? Wie wird mit Falschbehauptungen und Fake-Facts umgegangen? Hier könnte passend zu wichtigen Themen eine Art von Datenbank mit den gängigen Falschargumentationen und nötigen Fakten zum Widerlegen angelegt werden, um solchen User*innen schnell und unkompliziert mit dem nötigen Fachwissen begegnen zu können.

Manche Internetseiten schalten die Kommentarfunktion kurzerhand einfach ab. Leider hat das ein paar Nachteile für die Unternehmen, weil eben kein Communitybuilding mehr stattfinden kann und somit auch eine weniger starke Bindung der Lesenden zum Produkt. SEO und Traffic spielen dabei auch eine Rolle.

Neben dem Gendern, was aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung für Inklusivität ist, müssen Moderierende unbedingt entsprechend geschult und für die Autor*innen kontaktierbar sein. Bestenfalls auf Augenhöhe. Außerdem sollten die Moderator*innen angemessen vergütet werden.

Auf nahezu jeder Seite im Internet gibt es Nutzungsrichtlinien, denen jede*r entnehmen kann, wie der Verhaltenskodex für das Medium aussieht. Selbst wenn dieser jedoch inhaltlich einwandfrei beschreibt, welchen Umgang sich das Unternehmen in der Community vorstellt, bringt dieser rein gar nichts, wenn niemand ihn liest. Eine Art Pop-Up-Schranke mit klaren Ansagen und möglichen Konsequenzen bei Verstößen, könnte schon helfen. Diese muss nicht lang sein und soll auch nicht die ausführlichen Nutzungsrichtlinien ersetzen. Vor dem Abschicken eines Kommentars einfach nur ein kurzes: „Überleg dir genau, was du hier schreiben willst. Wir überprüfen jeden Kommentar und werden dich ohne Verwarnung sperren, wenn du gegen unsere Richtlinien verstößt und ggf. Anzeige erstatten.“

Außerdem sollte die Gesinnung des Unternehmens permanent sichtbar sein, z. B. in Form von Bannern.

Zuspruch und Lob zulassen

Gerade zu Beginn einer solchen Laufbahn kann einem eine derart toxische Umgebung an die Nieren gehen, auch wenn man weiß, dass die Leute Unrecht haben. Selbst wenn nur der Funke von Selbstzweifeln da ist, kann dieser Funke irgendwann zum Flächenbrand werden, weswegen ich meinen Job schon oft an den Nagel hängen wollte. Ich hatte und habe aber das große Glück, mit vielen großartigen Menschen zusammenarbeiten zu dürfen und mich auch privat mit ebensolchen Menschen zu umgeben. Der Austausch mit Personen, die ähnliches erlebt haben, halfen mir auch immer wieder. Es ist okay, sich auch mal unsicher zu fühlen und den Zuspruch anderer zu suchen. Leute in Führungspositionen können zudem positiv auf ihre Schreibenden einwirken, indem sie loben und Wertschätzung verbalisieren.

Insbesondere bei der GamePro wird hier mit gutem Beispiel vorangegangen und Autor*innen gegen Shitstorms unterstützt. Das Moderations-Team wird entsprechend instruiert und ist bereit, schnell einzugreifen. Außerdem findet zwischen den Redakteur*innen, der Führungsebene und den Freischreibenden ein permanenter Austausch statt, sodass ein Gefühl der Rückendeckung entsteht. Hier stellt man sich Trollen und Hasskommentaren als Team. Und das empfinde ich als unglaublich schön und für andere Online-Magazine als absolut erstrebenswertes Ziel. Niemand sollte sich mit derartigen Anfeindungen alleine gelassen fühlen. Bei der GamePro hat man dies erkannt.

Falls ich mich jemals wieder dazu hinreißen lasse, auf besserwisserische Weisheiten und Mansplaining zu reagieren, würde ich diesen Leuten in meinen Antworten empfehlen, sich doch einfach selbst für meinen Job zu bewerben und zu schauen, wohin das führt. Schließlich werden Fachleute immer gesucht.

Nele Wobker führt Gaming-Hardware-Tests durch, schreibt Beratungen, Guides und Kolumnen. Auch privat zockt sie am liebsten, spielt leidenschaftlich gerne „Magic: The Gathering“, liest alle möglichen Comics, Romane und Fachliteratur, geht Bogenschießen oder beschäftigt sich mit ihren Hunden und Katzen. Langeweile ist ihr fremd. Mehr zu Nele: nerdynele.de

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