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Was Sprache als Waffe so gefährlich für uns alle macht

Alle, die schon einmal im Netz beleidigt oder bedroht wurden, wissen, wie schlimm solche Angriffe sein können. Beleidigungen, Bedrohungen und Lügen im Netz können Betroffene genauso verletzen wie körperliche Gewalt im realen Leben. Sprache kann als Waffe eingesetzt werden und massiven Schaden bei denjenigen anrichten, die zur Zielscheibe von verbalen Angriffen werden. Denn Sprache repräsentiert nicht nur die Wirklichkeit. Sie ist nicht nur ein Mittel, mit dem wir unsere Gedanken ausdrücken und durch das wir mit anderen ins Gespräch kommen. Sie hat auch Auswirkungen darauf, wie wir bestimmte Ereignisse wahrnehmen. Wie wir uns an sie erinnern und sie letztendlich bewerten. Und sie kann uns Verletzungen zufügen, die eine lange Zeit brauchen, um zu heilen.  

Mit schmerzhaften und entwürdigenden Schimpfwörtern, emotional aufgeladenen Sprachbildern, schockierenden Vergleichen oder grafischen Elementen nutzen zahlreiche Hater*innen im Netz die enorme Wirkkraft der Sprache immer wieder aus, um andere zu attackieren. Hatespeech wird zu einem immer größeren Problem auf Social-Media-Plattformen. Kommentarspalten auf Websites sind nicht mehr vor Hass sicher und Google-Rezensionen in vielen Fällen gespickt mit verbalen Ausschreitungen, die bewusst unter die Gürtellinie zielen.  

Die Effekte von Hatespeech erkennen 

Der Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth weiß, welche massiven Auswirkungen sprachliche Angriffe im Netz haben können. Und das nicht nur auf die Betroffenen, sondern auch auf die gesamte Gesellschaft. Er beschäftigt sich seit Jahren in seiner Forschung mit Hatespeech. Dabei unterscheidet er zwischen Effekten von Hatespeech auf die Betroffenen, die Äußernden und auf die Gesellschaft. 

„Von Hatespeech Betroffene werden nicht nur abgewertet und marginalisiert, sondern ihnen wird gesagt, dass sich daran auch nichts ändern wird und kann, weil die behaupteten negativen Eigenschaften ihnen vermeintlich natürlich zukommen”, erklärt er. Menschen, die häufiger von Hatespeech betroffen seien, neigten zudem dazu, Einzeläußerungen als dominantes Framing der ganzen Gesellschaft wahrzunehmen. Das könne im schlimmsten Fall dazu führen, dass sich die Menschen ganz aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen. Eine gefährliche Folge, die zeigt, wie wichtig es ist, dass sich Allys mit Betroffenen verbünden und sich gegen Angreifer*innen zusammenschließen. 

Denn auch diejenigen, die sich der gewaltsamen Sprache im Netz bedienen, nach Scharloth sind das die Äußernden, agieren als Gruppe. Und das durchaus aggressiv. „Sie werten sich durch die Hassrede selbst auf. Sie vergemeinschaften sich im Modus von Beschimpfung und Herabwürdigung auf Social-Media-Plattformen“, sagt Scharloth. „Hatespeech folgt, zumindest von oder mit Bezug auf Personen des öffentlichen Lebens, oft einem Resonanzkalkül. Durch gezielten Gebrauch herabwürdigender Äußerungen lenken die Äußernden die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihre Agenda”, führt er weiter aus. Dass Menschen mundtot gemacht werden, ist also ein klares Ziel, das im schlimmsten Fall dazu führt, dass sich engagierte Menschen wie Politiker*innen, Journalist*innen oder Ehrenamtliche aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen.  

Auch die Gesellschaft wird angegriffen 

Und letztlich lenkt Scharloth auch den Blick auf die Effekte von Hatespeech auf die Gesellschaft: „Wer Hatespeech benutzt, beruft sich immer auf in Teilen einer Gesellschaft anerkannte Vorurteile gegenüber Gruppen. Nämlich, dass sie natürlich bestimmte Eigenschaften haben. Hatespeech hat deshalb immer das Potenzial, diese Stereotype in Erinnerung zu rufen, und appelliert an deren Zeug*innen, diese als gerechtfertigt zu bestätigen. Hatespeech kann also gesellschaftliche Ausgrenzung beziehungsweise Marginalisierung fortschreiben und verstärken.” 

Zwei Jugendliche an ihren Handys
Von Sprache als Waffe in Form von Bedrohungen, Beleidigungen oder Hetze sind wir alle als Gesellschaft betroffen. Foto: Pixabay

Sprachliche Gewalt als Gefahr für uns alle 

Diese Macht der Sprache beschreibt auch der Wiener Philosoph Gerald Posselt auf unsere Anfrage hin. Er beschäftigt sich in seiner Forschung aktiv mit dem Zusammenhang zwischen Sprache und Gewalt. „Sprachliche Gewalt – als Beleidigung oder Drohung, als Hatespeech oder medialer Shitstorm, zielt darauf ab, ihre Adressat*innen zum Schweigen zu bringen sowie die Möglichkeit des Dialogs, des Antwortens, der Gegen- und der Widerrede unmöglich zu machen”, erklärt er.  

Und auch, wenn sich verletzende Nachrichten auf den ersten Blick ‘nur’ an Einzelne richteten, seien diese immer als Mitglieder einer sozialen Gruppe oder Minderheit zu betrachten, die als Ganze mit einem verletzenden Kommentar, einer Beleidigung oder Drohung belegt wird. Daher ist für Posselt immer die Gesellschaft als Ganze betroffen von Hatespeech. Und diese sprachlichen Angriffe könnten letztlich die gesellschaftliche Pluralität und den sozialen Zusammenhalt in Frage stellen und bedrohen. 

Jede*r kann aktiv werden 

Wie können wir also alle gemeinsam dagegen vorgehen, dass Sprache als Waffe missbraucht wird und sie uns als Gesellschaft verletzt? Joachim Scharloth findet, dass wir alle sensibler kommunizieren können. Das bedeutet auch, Respekt voreinander zu haben und andere Personen als einzelne Individuen mit eigenen Gefühlen und nicht als Vertreter*innen einer Gruppe zu sehen. Für ihn kann auch Counter Speech in manchen Situationen eine richtige Entscheidung sein, um etwas gegen Hatespeech auszurichten. Manchmal aber auch nicht, denn gefährlich wird es, wenn wir plötzlich die Sprache der Hater*innen bedienen und keine Grenzen bei unseren Antworten gegen Hass ziehen. 

„Denn Gegenrede wertet Hetzer*innen zu Gesprächspartner*innen auf und verschafft ihnen Aufmerksamkeit. Das wirksamste Mittel gegen Hassrede ist immer noch, jenen, die eine solche Sprache gebrauchen, die Bühne zu nehmen, auf die sie sich mit ihrer Hetze zu stellen versuchen. Über nichts beklagen sich Hetzer*innen mehr als über Nichtbeachtung. Das heißt freilich nicht, dass man Betroffene von Hassrede nicht unterstützen sollte. Im Gegenteil: Sie verdienen Aufmerksamkeit, Solidarität und Wertschätzung”, sagt der Sprachwissenschaftler. 

Die Erfahrungen von Betroffenen greifbar machen 

Das sieht auch der Sprachphilosoph Posselt so, der den Blick auf die Verantwortung von Politik, Gerichten und die Zivilgesellschaft lenkt. „Rechtliche Regulierungen sind unvermeidlich; denn soziale Medien sind kein rechtsfreier Raum, sondern müssen entsprechend ausgestaltet werden”, meint er. Aus seiner Sicht sei es wichtig, Geschäftsmodelle zu hinterfragen, mit denen soziale Medien operieren und ihr Geld verdienen. Außerdem sei es essentiell, die erforderlichen Bedingungen auf politischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene zu schaffen, um die Erfahrungen jener, die von diskriminierender und verletzender Rede betroffen sind, artikulierbar und hörbar zu machen. 

Für Scharloth gibt es letztlich immer sprachliche Mittel für diejenigen, die beleidigen und diskriminieren wollen. Wichtig sei es daher, gesellschaftliche Stereotype zu entkräften und immer kritisch zu hinterfragen. „In Bezug auf Sprache scheint mir wichtig, den Menschen zu vermitteln, dass Sprechen Handeln ist und dass wir mit Sprache Wirklichkeit schaffen.” Dieses größere Bewusstsein über die Effekte einer jeden Äußerung könnte dann auch dazu führen, dass Menschen sensibler im Sprachgebrauch werden und sich eventuell auch Angreifer*innen bewusst darüber werden, wie gefährlich ihre sprachlichen Äußerungen sein können, wenn sie sie als Waffe einsetzen.  

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