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„Demokratische Inhalte müssen populär werden, ohne populistisch zu sein“

Wie wir digitale Räume sicherer, demokratischer und solidarischer gestalten können, haben die Besucher*innen bei der diesjährigen #RECLAIM THE DIGITAL-Konferenz diskutiert. Im Nachgang spricht Dr. Deborah Schnabel von der Bildungsstätte Anne Frank mit HateAid über digitalen Burnout, die Verantwortung von Plattformen und warum auch demokratische Inhalte endlich populär auf Social Media werden müssen.

Mehr als 100 Menschen kamen vergangenes Wochenende bei #RECLAIM THE DIGITAL zusammen, um über die Herausforderungen und Chancen demokratischer digitaler Räume zu diskutieren. Die Konferenz machte deutlich: Digitale Räume sind längst zentrale Orte, in denen wir uns als Gesellschaft maßgeblich miteinander auseinandersetzen. Hier wird informiert, diskutiert, mobilisiert aber auch angegriffen, manipuliert und ausgegrenzt.

Dr. Deborah Schnabel, Direktorin der Bildungsstätte Anne Frank, eröffnete die Konferenz mit einer Keynote über digitalen Burnout und demokratische Handlungsmöglichkeiten. Im Nachgang zur Konferenz haben wir mit ihr weitergesprochen.

Sehr geehrte Frau Dr. Schnabel, ich möchte gerne persönlich einsteigen: Wie sind Sie zum Thema digitale Räume und Demokratie gekommen?

Lange habe ich mich vor allem damit beschäftigt, wie wir in digitalen Räumen wirksam arbeiten und lernen können. Einen einzelnen Wendepunkt gab es für mich weniger als eine wachsende Sorge: Ich habe beobachtet, wie gezielt antidemokratische Kräfte diese Möglichkeiten nutzen, um Menschen anzusprechen und ihre Vorstellungen von Gesellschaft zu prägen.

Wie prägen digitale Räume aktuell unsere Art, Meinungen zu bilden, uns zu informieren und demokratisch teilzuhaben? Was hat sich in den letzten Jahren verändert? 

Menschen können sich in Sozialen Medien leichter öffentlich einbringen und auf Missstände aufmerksam machen. Dadurch werden auch Stimmen hörbar, die in klassischen Medien und politischen Debatten lange kaum vorkamen. Das ist eine große demokratische Errungenschaft. 

Gleichzeitig stehen wir unter einem enormen Informations- und Reaktionsdruck. Nachrichten, persönliche Einblicke, Werbung und politische Botschaften laufen im selben Feed zusammen. Generative KI macht es zusätzlich schwieriger, die Herkunft und Glaubwürdigkeit von Inhalten einzuschätzen. Wenn wir ständig mit neuen Krisen und Empörung konfrontiert werden, kann man irgendwann nur noch erschöpft abschalten.  

Verändert hat sich auch, wem wir zuhören. Menschen, die uns täglich auf dem Bildschirm begegnen und vertraut erscheinen, können zu wichtigen politischen Instanzen werden, die uns Orientierung geben. Dabei entscheidet über die Sichtbarkeit einer Botschaft auch, wie viel Aufmerksamkeit und Reaktionen sie erzeugt. Zuspitzung und Empörung haben unter diesen Bedingungen häufig bessere Chancen als eine differenzierte Erklärung. Das prägt, wie wir streiten – und welche Positionen wir überhaupt wahrnehmen. 

Wie schätzen Sie die Verantwortung der Plattformen für die demokratische Debattenkultur auf ihren Angeboten ein?

Die Plattformen tragen eine enorme Verantwortung. Ihre Entscheidungen bestimmen mit, welche Inhalte sichtbar werden, wie sie bestimmtes Verhalten belohnen und vor allem, wie gut Menschen vor Angriffen geschützt sind. Sie gestalten damit zentrale Räume unserer öffentlichen Debatte. Wenn Aufmerksamkeit vor allem über möglichst viele Reaktionen gemessen wird, kann auch gezielt provozierender Content belohnt werden – sogenannter Ragebait. Die gesellschaftlichen Folgen solcher Geschäftsmodelle dürfen die Unternehmen nicht einfach auf die Nutzenden abwälzen.

Das gilt besonders für den Umgang mit Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen der Menschenfeindlichkeit. Meldeverfahren müssen verlässlich funktionieren, und die Moderation muss auch codierte Botschaften erkennen können: Hass wird häufig über Anspielungen, Zahlen oder Emojis verbreitet. Zudem können Empfehlungssysteme Menschen immer wieder ähnliche problematische Inhalte anzeigen und dadurch einseitige Weltbilder verfestigen. Die Plattformen müssen ihre Systeme so gestalten, dass solche Risiken begrenzt werden, und nachvollziehbar machen, wie ihre Empfehlungen zustande kommen.

Die Bildungsstätte Anne Frank arbeitet mit dem historischen Bezug zur NS-Zeit. Was können wir aus der Geschichte für unsere digitale Gegenwart lernen?

Die Geschichte zeigt, wie Propaganda Feindbilder aufbaut, Menschen entwürdigt und Ausgrenzung gesellschaftlich akzeptabel macht. Sie sensibilisiert uns dafür, wie sich Grenzen des Sagbaren verschieben können und wie wichtig es ist, früh zu widersprechen. Heute begegnen uns solche Mechanismen auch in kurzen Videos, Memes oder scheinbar beiläufigen Kommentaren. Wer verstehen will, welche Geschichtsbilder und politischen Vorstellungen junge Menschen entwickeln, muss sich deshalb damit beschäftigen, was ihnen auf ihren Social-Media-Plattformen begegnet.

Für die Bildung bedeutet das: Medien- und Demokratiebildung gehören zusammen. Wenn Jugendliche auf TikTok mit Holocaustleugnung oder einer Verherrlichung des Nationalsozialismus konfrontiert werden, muss der Unterricht diese Inhalte aufgreifen können. Dafür brauchen sie historisches Wissen und die Fähigkeit, Quellen zu prüfen, manipulative Darstellungen zu erkennen und deren Absichten zu verstehen. Lehrkräfte müssen bei dieser Aufgabe unterstützt werden.

Bei allen Herausforderungen: Was gibt Ihnen Hoffnung und was braucht es jetzt, um digitale Räume für die Demokratie zurückzuerobern? 

Hoffnung machen mir die vielen Menschen, die digitale Räume bereits demokratisch gestalten: Sie erklären komplexe Zusammenhänge verständlich, beziehen Haltung, widersprechen menschenfeindlichen Aussagen und bringen Menschen miteinander ins Gespräch. Da entstehen jeden Tag gute Ideen und Formate. 

Wir müssen raus aus der digitalen Hilflosigkeit und ein demokratisches Verstärkernetz aufbauen. Damit meine ich Menschen und Organisationen, die sich gegenseitig sichtbar machen, Wissen teilen und gemeinsam eine größere Öffentlichkeit erreichen. Dazu gehört auch, diejenigen anzusprechen, die sich von Politik, Medien und Institutionen abgewendet haben. Demokratische Inhalte müssen populär werden, ohne populistisch zu sein: verständlich, bewegend und nah am Alltag.  

Förderhinweis

toneshift wird im Rahmen der dritten Förderperiode des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ als Kooperationsverbund im Programmbereich „Entwicklung einer bundeszentralen Infrastruktur“ vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.

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