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Eine Frau schaut auf ihr Smartphone. Darauf ist der Account von Tanya Yael Raab auf Instagram abgebildet.

Jüdische Identität im Internet: Interview mit Tanya Yael Raab

Portrait-Foto von Tanya Yael Raab
Foto: privat

Tanya Yael Raab erzählt auf Instagram als @oy_jewish_mamma von ihrem Alltag und über jüdisches Leben. Sie räumt mit Vorurteilen auf, berichtet über jüdischen Widerstand während des Zweiten Weltkrieges und ordnet jahrhundertealte antisemitische Klischees ein.

Tanya, du bist seit circa vier Jahren auf Instagram aktiv. Anfangs hast du vor allem Inhalte gepostet, in denen es um Elternschaft ging.

Wieso hast du dich dann entschieden, als Creatorin explizit jüdische Themen aufzugreifen?

Ich habe festgestellt, dass jüdische Sichtbarkeit immer automatisch auch politisch ist. Schon als ich nicht einmal 100 Follower*innen hatte, habe ich antisemitische Nachrichten bekommen.

Auch bevor ich anfing, als Creatorin zu arbeiten, habe ich schon viel Antisemitismus erlebt. Irgendwann hatte ich den Wunsch, Aufklärungsarbeit zu machen. So hat es sich dann eingeschlichen. Ursprünglich war das alles nicht geplant.

Im vergangenen Jahr dokumentierten die Antisemitismus-Meldestellen in Deutschland knapp 24 antisemitische Taten pro Tag. Fast jeder vierte Fall geschieht online.

Hast du eine Strategie gefunden, mit der du dich gegen derartige Nachrichten zur Wehr setzt?

Ich versuche, antisemitische Nachrichten zu melden. Meine Erfahrung ist aber, dass Plattformen derartige Inhalte sehr selten entfernen. Gute Erfahrungen habe ich mit Antisemitismus-Präventionsstellen gemacht.

Ein Blick von außen, der einschätzt, ob Nachrichten justiziabel sind, ist hilfreich. Wenn diese Stellen dann Anzeige erstatten, wird das Problem auch ernster genommen. Außerdem hat man die Chance, auch emotional aufgefangen zu werden.

Für meine gesamte Familie und mich habe ich darüber hinaus Melderegistersperren einrichten lassen. So kann unsere Adresse nicht mehr abgerufen werden.

Antisemitismus äußert sich nicht nur in direkten Beleidigungen oder Bedrohungen, sondern oft in Form von subtiler Geschichtsverfälschung.

Insbesondere auf Instagram und TikTok verharmlosen Creator*innen die Shoah und romantisieren die Zeit des Nationalsozialismus.

Du hingegen klärst über jüdische historische Personen und Ereignisse auf. Was motiviert dich dazu?

Für mich als Nachkommende von Holocaust-Überlebenden war das Thema immer präsent. Bei meinen nicht-jüdischen Mitschüler*innen war das anders. Wir haben beispielsweise damals als Schüler*innen mehrere Konzentrationslager besucht.

Viele haben sich sehr davor verschlossen. Ich habe mich gefragt, wie Menschen dieses Thema so von sich wegschieben können – weil ich es nie konnte. Mittlerweile studiere ich Lehramt und merke, dass es gar nicht stimmt, dass Jugendliche sich per se nicht für den Holocaust interessieren.

Das Problem ist eher, wie Schulen den Holocaust behandeln. Dort werden vor allem Schockmomente erzeugt, Empathie fehlt. Das führt zu einer Abwehrreaktion.

Das ganze Thema ist sehr tabuisiert. Gerade deshalb finden viele Jugendliche es spannend, sich darüber lustig zu machen. Aus dieser Schiene muss man es rausbringen.

Außerdem erlebt man als jüdische Person in Deutschland, dass viele nicht-jüdische Deutsche starke Berührungsängste haben. Das kommt auch durch diese Art der Vermittlung, nach dem Motto: „Mit den jüdischen Menschen muss man vorsichtig sein, davon gibt es nicht mehr so viele.”

Du hast inzwischen eine große Community, fast 20.000 Menschen folgen dir. Dein Content ist vielfältig.

Du stellst jüdische Autor*innen und ihre Bücher vor, erklärst antisemitische Verschwörungsmythen oder postest zur Unterdrückung von Jüdinnen*Juden in der Sowjetunion.

Wie erlebst du die Resonanz deiner Follower*innen?

Ich habe innerhalb kurzer Zeit viele Follower*innen bekommen und sehr viel Zuspruch. Die überwältigende Mehrheit der Nachrichten in meinem Postfach ist wertschätzend. Es gab ein großes Interesse an meinem Content, weil es in Deutschland nicht viele jüdische Influencer*innen gibt.

Hast du schon Feedback anderer junger Jüdinnen*Juden bekommen – die sich durch deine Sichtbarkeit vielleicht ermutigt fühlen?

Mir haben mehrere Leute schon gesagt, dass sie sich im Alltag jetzt eher trauen, jüdische Symbole zu tragen. Dadurch schaffen sie natürlich auch eine jüdische Sichtbarkeit.

Was würdest du Menschen raten, die ebenfalls überlegen, jüdischen Content auf Instagram zu posten?

So leid es mir tut: Ich würde ihnen zuallererst raten, für die eigene Sicherheit zu sorgen. Privatsphäre ist ein wichtiges Thema. Ich versuche, private Informationen möglichst gering zu halten.

Ich zeige so viel, dass es zwar authentisch ist, sich aber keine Rückschlüsse auf mein Privatleben ziehen lassen. Das würde ich allen Menschen ans Herz legen, die mit jüdischen Themen an die Öffentlichkeit gehen.

Außerdem sollte man sich bewusst darüber sein, dass der Antisemitismus, der einem eventuell entgegenschlägt, nichts mit einem selbst zu tun hat. Das habe ich im Laufe der Zeit gelernt.

Anfangs haben mich antisemitische Nachrichten sehr verletzt. Dann habe ich festgestellt, dass die Nachrichten im Prinzip alle gleich sind. Teilweise enthalten sie jahrhundertealte Klischees, die überhaupt nichts mit mir persönlich zu tun haben. Ich muss es also nicht nah an mich heranlassen.

Welche Chancen bietet denn gerade eine Plattform wie Instagram in Bezug auf historischen Content?

Ich finde, auf Instagram lässt sich gut zeigen: „Hey, jüdische Menschen sind gar nicht so anders.” Ich habe auch meinen Alltag, mein Leben. Ich möchte euch nicht belehren, ich möchte, dass wir etwas gemeinsam entdecken und über interessante Dinge sprechen.

Das ist die Chance von Instagram im Gegensatz beispielsweise zu einer jüdischen Gemeinde. Denn dorthin kommen meist Menschen, die sowieso schon viel zu jüdischen Themen wissen. Inzwischen schreiben mir auch Lehrkräfte, dass sie meinen Content im Unterricht verwenden.

Oder, dass es bei ihnen zu thematischen Impulsen geführt hat. Dass sie beispielsweise den jüdischen Widerstand in der NS-Zeit im Geschichtsunterricht behandelt haben, ein Thema, das sie vorher nicht so sehr auf dem Schirm hatten.

Gibt es ein bestimmtes Thema oder eine historische Person, die dich selbst bei der Recherche besonders überrascht oder beeindruckt hat?

Als ich klein war und über den Holocaust gesprochen wurde, dachte ich immer: Irgendwie klingt es so, als hätten jüdische Menschen das alles einfach mit sich machen lassen. Wie kann man denn so blöd sein? Ich wollte mich nicht mit diesem schwachen Bild von jüdischen Menschen identifizieren.

Als ich dann angefangen habe, auf Social Media zu arbeiten, habe ich viel über jüdischen Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus recherchiert. Ich war traurig und überrascht. Denn darüber hätte ich sehr gerne etwas in der Schule gelernt.

All diese Figuren aus dem jüdischen Widerstand sind sehr empowernd. Sie zeigen, dass jüdische Menschen sich mutig dagegengestellt haben – teilweise bis zur Gaskammer. Als Jugendliche hätte mir dieses Wissen sehr viel gebracht.

Denn auch ich hatte damals eine starke Abwehrhaltung, als ich die Bilder von den ganzen Leichenbergen gesehen habe und dachte: Damit will und kann ich mich nicht identifizieren.

Wie können Plattformen wie Instagram deiner Meinung nach ein sicherer Ort für jüdische User*innen und Creator*innen werden?

Antisemitismus sollte niemals einfach so stehen gelassen werden. Ihm muss widersprochen werden. Und wenn es immer nur jüdische Menschen sind, die dem widersprechen, dann wünsche ich mir mehr digitale Zivilcourage.

Ich finde es sehr wichtig, dass auch nicht-jüdische Menschen sich gegen Antisemitismus aussprechen – ob in der Kommentarspalte, in Beiträgen, in Stories oder auf der Straße.

Die Botschaft muss sein: Ich bin damit nicht einverstanden, ich finde das nicht gut. Das würde diese Plattformen schon zu einem besseren Ort machen.

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Titelbild: Freepik

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